Die Altnazis am Hittorf-Gymnasium Recklinghausen und das Schweigen der Anderen
Was dann passierte…
Am 23.6.26 waren wir mit unserer Veranstaltung „Altnazis am Hittorf-Gymnasium und das Schweigen der Anderen“ zu Gast in der Altstadtschmiede.
Einen kurzen Rückblick auf die Veranstaltung ist hier zu lesen und anzusehen
Aufgrund der Statuten (Awarenesskonzept) des Altstadtschiede e. V. wurde zwei AfD-Vertretern der Zutritt verwehrt.
Am 26.6. veröffentlichte die „Recklinghäuser Zeitung“ dazu einen Artikel. Online ist der Artikel, allerdings hinter der Bezahlschranke, unter https://www.recklinghaeuser-zeitung.de/ zu finden. – Private Kopien des Artikels können bei Hebbert angefordert werden.
Hier die Stellungnahme von Prof. Dr. Behrendt zu diesem Artikel vom 26.6.26:
Stellungnahme
Das Zutrittsverbot des Altstadtschmiede e. V. für Vertreter der AFD zu unserer Veranstaltung am 23. Juni ergibt sich aus den Statuten (Awarenesskonzept) des Vereins. Diese liegen seit Jahren öffentlich vor (https://www.altstadtschmiede.de/) und gelten auch für externe Veranstaltungen wie in unserem Fall. Dazu gehören:
„…Bei uns keinen Platz haben:
• Rassismus (Diskriminierung aufgrund rassifizierender Annahmen über Herkunft oder im Zusammenhang mit äußerlichen Merkmalen)
• Antisemitismus (Diskriminierung von jüdischen Personen, sowie Ablehnung des Jüdischen unter Verwendung von rassistischen Zuschreibungen und/oder Verschwörungsmythen)
• Sexismus (Diskriminierung aufgrund des Geschlechts)
• Queerfeindlichkeit (Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität)
• Ableismus (Diskriminierung gegenüber Menschen, denen körperliche und/oder geistigen Behinderungen und/oder Einschränkungen zugeschrieben werden)
• physische, psychische oder sexuelle Übergriffe…“
Die Altstadtschmiede versteht sich als Träger der freien Jugendhilfe zudem als Schutzraum für Jugendliche, die rechtsextremistischen Anfeindungen ausgesetzt sind.
Auch das aktuelle juristische Gutachten der „Gesellschaft für Freiheitsrechte“ kommt zu dem Ergebnis, dass die Partei gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürde verstoße. Die Autoren verweisen unter anderem auf ein rassistisch geprägtes politisches Konzept der AfD. Dies deckt sich mit den Einschätzungen des Bundesamtes für Verfassungsschutzes zu zahlreichen Landesverbänden der Partei als gesichert rechtsextremistisch.
Die Aufarbeitung der NS-Zeit, der Karrieren von Altnazis, der Umgang mit ihnen ist kein historischer Selbstzweck. Es gilt völkisch-rassistische und demokratiefeindliche Entwicklungen auch in Zukunft entgegenzutreten und diese auch als solche zu entlarven. Was im Fall der AFD allerdings nicht schwerfällt.
Prof. Dr. Erich Behrendt
Sprecher der Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit am Hittorf-Gymnasium Recklinghausen
Die Stellungnahme wurde in der Printausgabe der „Recklinghäuser Zeitung“ vom 30.6.26 veröffentlicht.
Am 27.6.26 veröffentliche die „Recklinghäuser Zeitung“ einen Kommentar von Alexander Spieß, der auch den Artikel vom Vortag veröffentlichte. Online ist der Artikel, allerdings hinter der Bezahlschranke, unter https://www.recklinghaeuser-zeitung.de/ zu finden. – Private Kopien des Artikels können bei Hebbert angefordert werden.
Bei der Veranstaltung war kein Redakteur der „Recklinghäuser Zeitung“ anwesend und es wurde auch kein Bericht veröffentlicht.
Nach der Veranstaltung ging es in ersten Kommentaren, Mailnachrichten und auf „Social Media“ um das Thema der Veranstaltung „Altnazis am Hittorf-Gymnasium Recklinghausen und das Schweigen der Anderen“. Dies änderte sich mit dem „RZ“-Artikel vom 26.6.26, die Kommentare und Nachrichten betrafen dann vor allem, dass der Altstadtschmiede e. V. bei den zwei Personen von seinem Hausrecht Gebraucht gemacht hat.
Kurzer Veranstaltungsbericht
Rede / Grußwort von Dr. Sebastian Sanders für den Schirmherrn Axel Tschersich
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Behrendt!
Sehr geehrte Damen und Herren der Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit am Hittorf-Gymnasium Recklinghausen!
Sehr geehrte Frau Kohs!
Sehr geehrter Herr Burghardt!
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung!
Sehr geehrter Vorstand und Mitarbeitende der Altstadtschmiede als Gastgeber/-innen des heutigen Abends!
Sehr geehrte Lehrer(-innen) und Schüler(-innen)!
Sehr geehrte Damen und Herren,
im Namen der Stadt Recklinghausen begrüße ich Sie herzlich zu der heutigen Abendveranstaltung „Die Altnazis am Hittorf-Gymnasium Recklinghausen und das Schweigen der Anderen“. Ich tue das in Vertretung von Herrn Bürgermeister Axel Tschersich, der Schirmherr dieser Veranstaltung ist und der heute Abend aus terminlichen Gründen aber leider nicht teilnehmen kann, Sie alle aber herzlich grüßen lässt. Ich begrüße Sie aber auch mit großem Respekt vor den Veranstaltern und Organisatoren. Denn sich des Themas der nationalsozialistischen Vergangenheit der Lehrerschaft an der eigenen Schule zu widmen, der man immerhin lange und eng verbunden war und ist, ist eine große Herausforderung und kein leichtes, schon gar kein leicht zugängliches Thema. Es ist ein Thema, das wehtut und das vielleicht auch eigene und alte Wunden aufreißt. Schließlich ist es auch ein Thema – und ich glaube, das ist mit Blick auf das, was aus dieser Veranstaltung mitzunehmen ist –, dass die Schuld und die Verantwortung nicht ausschließlich bei anderen sucht sondern auch bei sich selbst. Dies wird bereits aus dem Titel deutlich: „… und das Schweigen der Anderen“. Warum ist damals gegen die Altnazis in der Lehrerschaft niemand eingeschritten, hat niemand die braune Vergangenheit dieser Personen thematisiert, hat sich vielmehr vielleicht arrangiert? Und dies führt zwangsläufig für die aus demokratie-pädagogischer Sicht entscheidenden Frage: Was können wir heute aus diesem Schweigen, aus diesem Akzeptieren lernen?
Nationalsozialisten an entscheidenden Stellen an wichtigen Schaltstellen der noch jungen Demokratie waren in der Bundesrepublik keine Seltenheit. Nazigrößen waren bis in das Kanzleramt der Adenauer-Regierung zu finden, aber auch in anderen relevanten Bereichen des jungen Staates, wie in der Wirtschaft, in der Kultur oder im Sport und sogar bis in die höchsten Ebenen der bundesdeutschen Verfassungsgerichte. Die Entscheidung der Adenauer-Regierung, in der jungen, unter Aufsicht der Besatzungsmächte entstehenden Demokratie auch Nationalsozialisten einzubinden, entsprang dabei teilweise einem pragmatischen und nachvollziehbaren Ansatz, so moralisch zweifelhaft diese Entscheidung auch war: Mit der Einbindung von ehemaligen Nationalsozialisten, sofern die alliierten Besatzungsmächte diese Personen im Rahmen der Entnazifizierung als für die Verantwortungsübernahme in der Bundesrepublik für geeignet hielten, band man eine Gruppe von ehemaligen Demokratiefeinden in den neuen Staat mit ein und machte sich so ihren Opportunismus zunutze. Durch Einbindung in das neue, demokratische System versuchte man letztlich durchaus erfolgreich, einen neuen Staat im Staate durch formal außerhalb des Systems Stehende zu verhindern.
Dieses Vorgehen wurde in der sich offiziell als „antifaschistisch“ bezeichnenden DDR oftmals kritisiert und als Vorwand für den antifaschistischen Kampf des sozialistischen Deutschlands benutzt. Denn auch in der Deutschen Demokratischen Republik wurden ehemalige Nationalsozialisten durchaus in verantwortliche Stellen des Staates gehievt. Mit einem offiziellen Parteitagsbeschluss der SED aus dem Jahr 1950, der die Entnazifizierung offiziell als beendet ansah, fand die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit ein jähes und offizielles Ende – eine Folge, die sich zumindest als ein Grund bis in den schrecklichen Brandanschlägen auf Ausländerheime nach der Wende in den neuen Bundesländern widerspiegelten (Anmerkung: Auch in den sog. „alten“ Bundesländern gab es in den 90-er Jahren fürchterliche Brandanschläge auf Asylbewerberheime, das soll an dieser Stelle natürlich nicht verschwiegen werden.) Vielmehr waren aber ehemalige Nationalsozialisten für die SED-Führung willkommene Komplizen, die man mit ihrer kompromittierenden Vergangenheit gut erpressen und damit etwa zu einer Mitarbeit als Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi bewegen konnte.
Das Thema ehemaliger, zum Teil auch überzeugter Nationalsozialisten in verantwortungsvoller Position, die sie dann nach dem 2. Weltkrieg erlangten oder wiedererlangten, ist also ein komplexes Thema sowohl für die Bundesrepublik als auch für die ehemalige DDR. Vielfach wurden ehemalige Nationalsozialisten auch als Lehrerinnen und Lehrer wiedereingesetzt. Dies rührte schon allein aus dem schlichten Faktum, dass aufgrund vieler Kriegsopfer auch aus der Lehrerschaft in der jungen Bundesrepublik nicht ausreichende Lehrerinnen und Lehrer vorhanden waren. Die Tatsache, dass sich Nationalsozialisten bis in die 80-er Jahre an den Schulen wiederfanden und damit entscheidend für die Erziehung und Prägung junger Menschen verantwortlich waren, ist ein Fakt, der nicht nur das Hittorf-Gymnasium betrifft. Dies soll die damalige Situation am Hittorf-Gymnasium nicht relativieren und erst Recht nicht verharmlosen. Es soll nur sagen: Die Geschichte von und über Friedrich Neugebauer, der hier an dieser Schule bis in die 80-er Jahre hinein wirkte, ist an deutschen Schulen kein Einzelfall und in abgeschwächter Form auch in anderen Ländern vorhanden – denken wir an Frankreich und die Kollaborateure des Vichy-Regimes. Und umso beachtender finde ich das sicherlich auch unbequeme Engagement der Gruppe ehemaliger Lehrer/Lehrerinnen und Schüler/Schülerinnen des Hittorf-Gymnasiums, sich dieser Vergangenheit zu stellen und sich eben nicht hinter der Argumentation nach dem Motto zu verstecken, die auch lauten könnte: Das gab es doch überall, das war damals eben so, warum sollten wir als Nestbeschmutzer den Finger in die Wunde des Hittorf-Gymnasiums legen, wo es so etwas doch so häufig gegeben hat?
Und damit beantwortet schon allein die Befassung mit dieser auch für die eigene (Schul-)biographie schmerzhaften Thematik die Frage, was diese Befassung mit dem ehemaligen Nationalsozialisten und Lehrer Friedrich Neugebauer, der seine menschenverachtende Gesinnung bis zu seinem Tod offensichtlich nicht abgelegt hat, uns allen für die Zukunft bringt: Denn Schuld ist – auf die Vergangenheit bezogen – in letzter Konsequenz immer individuell und Verantwortung ist es – auf die Zukunft bezogen – ebenfalls. Diese Erkenntnis in einer Zeit, in der unsere Demokratie so gefährdet ist wie lange nicht, ist,denke ich, schon essentiell. Schon allein dies lehrt uns diese Veranstaltung allein dadurch, dass sie stattfindet und sich mit der eigenen Vergangenheit ganz konkret auseinandersetzt: und dies bereits, bevor wir nun über das Wirken des ehemaligen Lehrers am Hittorf-Gymnasium Friedrich Neugebauer erfahren, der von 1936 – 1939 an der NS-Ordensburg Vogelsang Deutsch und Geschichte unterrichtete und der schließlich in Riga im Reichskommissariat Ostland als Abteilungsleiter für Kultur die dortige sog. „Eindeutschung“ betrieb, während in unmittelbarer Nachbarschaft die massenhafte Ermordung und der Holocaust an Jüdinnen und Juden vollzogen wurde, den er bis zu seinem Tod leugnete.
Ich zolle dem Hittorf-Gymnasium große Hochachtung vor der geschichtlichen Aufarbeitung dieser dunkelsten Seite der deutschen Geschichte, die in Person von Friedrich Neugebauer an dieser Schule zumindest in subtiler Form noch lange fortwirkte. Und es ergibt so auch noch einen zusätzlichen Sinn, dass das Hittorf-Gymnasium dankenswerter Weise die Patenschaft für die im vergangenen Jahr eingeweihte Gedenkhaltestelle vor der Schule an der Kemnastraße übernommen hat. Wenn ich mir dieses Urteil erlauben darf: Auch durch Veranstaltungen wie diese heute Abend erweist sich das Hittorf-Gymnasium dieser Patenschaft mehr als würdig.
Ich danke allen beteiligten und Organisatoren, die diese Veranstaltung heute Abend möglich machen, insbesondere den Vortragenden:
Herrn Prof. Dr. Behrendt als sozusagen „betroffener ehemaliger Schüler“ und als Leiter der Arbeitsgemeinschaft, der uns gleich einen Einblick in das problematische Wirken von Herrn Neugebauer im Hittorf-Gymnasium bis in die 80-er Jahre hinein geben wird. und auch Aussagen zu der Verantwortung für derjenigen trifft, die von seinem Wirken und seiner Vergangenheit Kenntnis erlangten. Ebenso wird er über die Zeit von Herrn Neugebauer und seine Funktion an der Ordensburg Vogelsang von 1936 bis in die 1940-er Jahre berichten und zum Schluss auch eine Brücke in die Gegenwart zu heutigen Antidemokraten schlagen,
Herrn Burghardt als ehemaliger Lehrer des Hittorf-Gymnasiums, der uns über das Wesen von Friedrich Neugebauer berichten wird.
Danken möchte ich aber auch Frau Simone Kohs, die als zuständige Lehrkraft dieses Thema mit ihren Schülerinnen und Schülern aufgearbeitet hat und die uns gleich einen Überblick über die aktuellen Aktivitäten an der Schule zur Aufarbeitung der NS-Zeit geben wird.
Ihnen allen wünsche ich einen interessanten Abend mit bestenfalls weiteren Erkenntnissen, wie wir alle unsere Demokratie verteidigen, bewahren und schützen können.
Vielen Dank!
Vorträge und Diskussion
Dienstag, 23. Juni 2026, 19.30 Uhr in der Altstadtschmiede,
Kellerstraße 10 in Recklinghausen
Im Zusammenhang mit den Vorbereitungen für das Goldjubiläum des Abiturjahrgangs 1977 am Hittorf-Gymnasium in Recklinghausen hatte Erich Behrendt das Thema „Altnazis in der damaligen Lehrerschaft“ als ein Thema zur Diskussion gestellt.
Mittlerweile ist daraus die „Arbeitsgemeinschaft zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit am Hittorf-Gymnasium Recklinghausen, mit Unterstützung des „Holzwurm“ – Zeitschrift für Recklinghausen von 1976 bis 1989 und des Instituts für Stadtgeschichte Recklinghausen“ entstanden.
Noch lange über das Rentenalter hinaus übten Altnazis bis Anfang der 1980er Jahre ihre Arbeit als Lehrer und Funktionäre am Hittorf-Gymnasium aus. Ihre Gesinnung vertraten sie offen oder verdeckt.
Eine wichtige Quelle war die Arbeit von Rainer Hülsheger und Franz Albert Heinen mit dem Titel „Von der NS-Ordensburg Vogelsang zum Reichskommissariat Ostland – Aufstieg und Fall des Friedrich Neugebauer“. Friedrich Neugebauer war Lehrer am Hittorf-Gymnasium und nach seiner Amtszeit bis 1983 dort ehrenamtlich tätig.
Die VHS Rur-Eifel bietet einen Online-Vortrag von Rainer Hülsheger an, Anmeldungen für das kostenfreie Angebot am 2.7.26 um 12 Uhr, sind unter diesem Link möglich.
Vorträge von Simone Kohs, Prof. Dr. Erich Behrendt, Stefan Wunsch und Klaus Burghardt. Das Veranstaltungsprogramm ist hier einsehbar.
Formlose Anmeldungen bitte per Mail an hebbert@holzwurm-recklinghausen.de.
Der Eintritt ist kostenfrei, um Spenden für den Verein „Altstadtschmiede e. V.“ wird gebeten.
