Abiturjahrgang 1977 - Hittorf Gymnasium Recklinghausen

Treffen 1987

 

Vor zehn Jahren hielt Jörg Schmengler diese Abiturrede:

Nach einer wechselvollen Existenz hat die Jahrgangsstufe 13 nach Höhen und Tiefen nun das Ende ihres Weges erreicht. Sie - oder vielmehr ihre Mitglieder haben neun, häufig zehn manchmal auch elf Jahre am Hittorfgymnasium verbracht. Während dieser Zeit veränderte sich das Gesicht der Schule stärker, als in seiner gesamten Geschichte zuvor. Es wurden nicht nur die alten Kastanien durch den tristen Beton des Neubaus ersetzt, eine neue Turnhalle gebaut, der Schulhof erweitert, die ersten Mädchen an der ehemals reinen Jungenschule zum Abitur geführt, auch inhaltliche Veränderungen fanden statt. Wir nehmen daher heute nicht nur Abschied von einer Jahrgangsstufe, sondern einer Schulepoche und ihrer Tradition.
In den letzten Monaten vor dem Abitur brach bei vielen von uns ein Lerneifer aus, dessen Dimensionen jemand, der die Schulszene nicht kennt, nie hätte vorauszusagen gewagt. Trotzdem war dieser Weg seit Langem vorgezeichnet und nur folgerichtig.
Die Entwicklung begann Anfang der 70er Jahre, als Schreckensmeldung über Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen die Abiturienten bisher nicht gekannten Leistungszwängen aussetzten. Allerdings bestanden zu diesem Zeitpunkt noch intaktere soziale Systeme, die Klassenverbände, die den Einzelnen das Gefühl der Geborgenheit und des Nicht-Allein-Seins gaben. Nur wenige Jahre später zertrümmerte die Oberstufenreform diese Solidarität, ein nicht zu füllendes Vakuum hinterlassend und eine Schule mit isolierten jungen Menschen, die ihre Mitschüler als Konkurrenten um Berufs- und Studienplätze betrachteten. Jeder erkämpfte einzeln Punkte und Zehntel Noten, die um die NC-Grenzen der Wunschstudiengänge zu erreichen. Um die schulische Vereinzelung durch andere Kontakte und Beziehungen auszugleichen, fehlten die geeigneten Einrichtungen. Letztes Jahr führte die falsche Recklinghäuser Jugendpolitik zur er-satzlosen Schließung des Jugendzentrum Löhrhof, dagegen müssen andere kreative Einrichtungen, wie die Altstadtschiede bis heute um ihre Anerkennung kämpfen.
Glaubte nun jemand, sich mit Verlassen der Schule und Eingang in die Universität sämtlicher Leistungszwänge zu entledigen, verkannte er die Realität völlig. Das inzwischen in-Kraft-getretenen Hochschulrahmengesetz führte für alle Studenten die vierjährige Regelstudienzeit ein bei Ausbildungsordnungen, de-nen im Durchschnitt eine 10 bis 12 semestrige Studienzeit zu Grunde liegt.
Niemand wird ernsthaft glauben, dass sich unter solchen Belastungen Schüler und Studenten für die sie nicht direkt umgebene soziale Problematik interessieren. Suchen wir die Ursachen des Schülerstresses müssen wir zehn Jahre zurückblicken.
1967 erreichte die Studentenbewegung mit dem Tod des Berliner Studenten Ohnesorg ihren Höhepunkt. Es war eine Revolte gegen die Wertvorstellungen und bürgerlichen Prinzipien der Wiederaufbaugeneration, gegen soziale Ungerechtigkeit und inhumane Verhältnisse, gegen eine spießige und korrupte Gesellschaft ohne Lebensqualität.
Damals zerschlug das staatliche System brutal die aufbegehrende Bewegung und die Politik erkannte, dass sich eine solche Solidarisierung nicht wiederholen durfte. Uns wurde eine Bildungsreform aufgezwungen, die durch organisierte Überbelastung und programmierte Isolierung eine vollkommene Disziplinierung der Jugend ermöglichte.
Wir dürfen nicht das Recht auf freie, politische Bestätigung und uneingeschränkte Bildung begraben und uns zu unmündigen Produktionsboten degradieren lassen. Wir müssen die Erben der Studenten werden und unser Ziel muss der Kampf gegen geistige Deformation sein. Niemand darf die Freiheit verkaufen!
Resignieren wir aber, wird die Machtkonzentration in Händen einer Obrigkeit die demokratische Idee unterwühlen und zum Einsturz bringen.

 

Beim Treffen zum "Zehnjährigen" hielt er folgende Rede:

Liebe Mitschüler...
liebe ehemalige Mitschüler, liebe Lehrer...
Liebe Lehrer?
Einige von uns mögen inzwischen ja auch Lehrer, Lehrerin oder Lehramtsanwärter oder arbeitslose Lehrer sein.
Liebe ehemalige Mitschüler, liebe damalige Lehrer,
wir haben diese Schule vor 10 Jahren verlassen, Ihr seit noch dort, zumindest teilweise, jedenfalls als Institution.
Ich glaube, ich habe hier noch einige Gäste nicht begrüßt.
Vor 10 Jahren war es dagegen einfach, meine Rede schlicht zu beginnen: Liebe Mitschüler, liebe Lehrer, liebe Eltern.
Die letzteren sind heute sicherlich nicht anwesend, an ihre Stelle sind Personen getreten, für die ich kein Etikett habe. Sie sehen, Ihr seht, aller Anfang ist schwer.
Meine Damen und Herren,
wie bereits gesagt, verließen wir diese Schule vor zehn Jahren. Wenn wir uns nun hier treffen, frage ich: warum eigentlich? Mit welchen Erwartungen kommen wir hier zusammen?
Zehn Jahre nicht an dieser Schule, an dieser Penne, vielleicht Grund genug! Grund genug, um sentimental zu werden, neugierig zu sein? Wir wollen ehemalige Mitschüler ehemalige Lehrer sehen, wir wollen etwas über sie erfahren, wir wollen unsere alte Schule sehen.
Vielleicht erfahren wir aber auch etwasüber uns selbst, zumindest sollten wir diesen Blickwinkel auch einmal erwägen. Als wir diese Schule vor zehn Jahren verließen, kannten wir uns gut, zumindest waren waren wir uns sehr vertraut. Jetzt stehen wir uns als Menschen gegenüber, die sich in diesen Jahren ein-, zwei-, dreimal gesehen haben, vielleicht einige Male
mehr, vielleicht aber auch gar nicht.
Also werden wir heute Fragen stellen:
Wer bist Du?
Wie geht es Dir?
Was machst Du?
Aber wir werden auch gefragt werden, was wir machen, wie es uns geht, wer wir sind.
Haben wir uns auf solche Fragen schon vorher die Antworten überlegt? Darstellungen, Begründungen und Rechtfertigungen für gemachte Karrieren oder auch nicht gemachte? Mag sich darauf jeder selbst die Antwort geben.
Was ist sonst in diesen Jahren passiert? Kennzeichnend für diese Zeit war die Wende von der Reformstagnation zur konservativen Restauration. Lassen wir die Ereignisse kaleidoskopartig Revue passieren, Ereignisse von denen man sagen kann, daß sie uns alle betroffen haben. Politische Zeitprobleme, ökologische Zeitprobleme.
Man spricht vom Deutschen Herbst, spricht man über den Herbst des Jahres 1977. In diesem Herbst ändert sich das Verhältnis zwischen Staat und Bürger grundlegend. Unter dem Primat der inneren Sicherheit wird der Bürger zum Unsicherheitsfaktor, es gilt ihn zu überwachen und zu kontrollieren. Die Freiheit muß sich der Sicherheit unterordnen, die Sicherheit wird zum obersten Staatsprinzip. Der Deutsche Herbst markiert den Beginn einer Trendwende, die in der Ablösung der sozial-liberalen Koaltion in Bonn durch die liberal-konservative vollendet wird. Damit vollzieht sich in unserer Republik eine Entwicklung, die sich in vielen
europäischen Ländern und den Vereinigten Staaten schon einige Jahre zuvor vollzogen hat.
Ich möchte hierzu mal drei Thesen formulieren:
Wenn ein Deutscher Kanzler von "Gnade der späten Geburt" spricht und sich dabei der Massenzustimmung sicher sein kann, zeigt dies die tiefe Irritation, die Unfähigkeit mit der eigenen Geschichte zu leben in der Verantwortung nach Auschwitz.
Wenn "Leistung muß sich wieder lohnen" zur Losung in einer Gesellschaft mit mehr als zwei Millionen Arbeitslosen wird, offenbart dies tiefsten Zynismus und einen eklatanten Mangel an sozialen Werten.
Wenn durch ein neues "Nationalgefühl" Hoffnungen von Millionen von Wählern geweckt werden, verdeutlicht dies die geringe Verankerung unserer demokratischen Kultur.
Seit dem 1. April dieses Jahres bekommen wir Bürger einen neuen, maschinenlesbaren Personalausweis. Bedenkt man die heutigen Möglichkeiten der Informationsverarbeitung, darf man mit Fug und Recht sagen, nie war er so wertvoll wie heute. Die Volkszählung steht bevor.
Seveso und Bhopal kosten Tausende von Menschen das Leben und versetzen Millionen in Angst und Schrecken. Am 26. April kommt es zur Havarie von Tschernobyl, zum Supergau. Es geschieht, was nicht geschehen kann, weil es nicht geschehen darf.
Seveso, Bhopal, Tschernobyl stellen den technischen Fortschritt in Frage. Adorno in "Erziehung nach Auschwitz": "Die Menschen sind geneigt, die Technik für die Sache selbst, für Selbstzweck, für eine Kraft eigenen Wesens zu halten und darüber zu vergessen, das sie der verlängerte Arm
des Menschen ist. Die Mittel ... werden fetischisiert..." Durch Seveso, Bhopal, Tschernobyl wird die Notwendigkeit offenkundig, in eine breite, öffentliche Diskussion über die sozialen, politischen und ökologischen Folgen von Technik einzutreten. Risiken vor dem Hintergrund von sogenannten Sachzwängen als Restrisiken zu bagatellisieren, heißt, den Gau zu programmieren, unsere Umwelt zu destruieren und unsere Lebensgrundlage zu vernichten.
Wir treffen uns in unserer ehemaligen Schule. Ich nehme dies als Anlaß, hier einmal über Bildung und Erziehung nachzudenken. Auch am Schulwesen sind die letzten Jahre nicht spurlos vorübergegangen.
Heute verkünden Kultusminister stolz, das an den Schulen wieder Gedichte, ja auch das Deutschlandlied auswendig gelernt werden, Eltern klagen gerichtlich einen reaktionären Allgemeinbildungsbegriff ein, der "Elitebildung" wird die Idee der Chancengleichheit geopfert, auch heute wird die Mehrgliedrigkeit des Schulwesens, die Trennung von beruflicher und allgemeiner Bildung aus einer vermeintlich unterschiedlichen kognitiven Kompetenz von Menschen, von Kindern begründet.
Kürzlich las ich einen Aufsatz über das neue pädagogische Selbstverständnis von Gymnasien. Expansion und Konkurrenz zur Gesamtschule waren bereits zu unserer Schulzeit kennzeichnend, so daß man nicht erst jetzt nach einem eigenständigen Profil fragen muß. Nur der Rückgang der Schülerzahlen und drohende Schulschließungen erzwingen solcheÜberlegungen, erzwingen solcheÜberlegungen heutzutage.
Obwohl heute mehr als ein Drittel aller Schüler ein Gymnasium besuchen, wird das traditionelle, elitäre Selbstverständnis des Abiturs hochgehalten. Für die aufstiegsorientierte Wertewelt des Mittelstands ist diese Schulform somit besonders attraktiv.
Gerade in den letzten Jahren wird jedoch deutlich, wie wenig gymnasiale Bildung sogar mit anschließendem Hochschulstudium sozialen Status garantieren kann, Verunsicherung breitet sich aus. Weder Expansion noch sinkende Verwertungschancen des Abiturs können die Gymnasien wirklich bewältigen. Sie zu beklagen ist nur zynisch gegenüber Schülern anderer Schulformen mit anderen, sozial weniger qualifizierenden Schulabschlüssen. Schließlich sind sie von der Situation am Arbeitsmarkt in erster Linie betroffen. Deshalb aber Inhalte schulischer Bildung nur aus ihrer Umsetzbarkeit am Arbeitsmarkt zu beziehen, könnte das Problem keinesfalls lösen, es bedeutete zudem, jeglichen Bildungsanspruch preiszugeben.
Ein neues Selbstverständnis der Schulform 'Gymnasium' über die abstrakte Intelligenz der Schüler zu entwickeln und deren hohe Verbalisationsfähigkeit, die zu einer Auseinandersetzung mit Wissensbeständen besonders befähigen, reflektiert weder die Ursachen schulischen Leistungsvermögens, noch hinterfragt es die Wissensbestände.
Der formulierte"wissenschaftspropädeutische Weg von der 5. Klasse bis zum Abitur (Hurrelmann, FR v. 30. 4. 87) ist nur das versteckte aber arrogante Festhalten am alten, elitären Selbstverständnis. Die Möglichkeit, gleichwertige Schulabschlüsse an anderen Schulformen zu erlangen, wird ins Potentielle verbannt.
Die öffentliche Diskussion über ein neues Allgemeinbildungskonzept ist in letzter Zeit wieder heftig entbrannt. Lange Zeit war es suspekt, von Bildung zu sprechen. Zu unserer Schulzeit war der Begriff nicht zeitgemäß.
Bildung beinhaltet gleichwohl kritisch-progressive Elemente. Bildung ist zumindest teilweise in seiner historischen Tradition ein potentiell gesellschaftskritischer Begriff.
Lassen Sie mich auch hierzu einige Thesen formulieren:
Der Begriff der Bildung muß prinzipiell offen angelegt sein. Bildung in diesem Sinne muß verstanden werden als die Fähigkeit zur Selbstbestimmung, zur Kritikfähigkeit und zur sozialen Verantwortung. Sie muß befähigen, bewußt, kritisch und sozial verantwortlich zu handeln.
Ein geschlossenes Bildungskonzept mit inhaltlich festgelegter Normativität läßt sich nicht formulieren.
Bildung als Allgemeinbildung ernstzunehmen, bedeutet, die schulischen Inhalte aus den allgemeinen gesellschaftlichen Problemen und Herausforderungen abzuleiten. Hierbei kann es nicht um Vollständigkeit gehen,sondern nur um entdeckende und verstehende exemplarische Zugänge. Dabei muß die Fähigkeit entwickelt werden, sich mit gegenwärtigen und zukünftigen Anforderungen kritisch auseinanderzusetzen.
Bildung als Allgemeinbildung ernstzunehmen, bedeutet weiterhin, Bildung als Anspruch und Möglichkeit aller Menschen zu sehen. Sie umfaßt die Gesamtheit der menschlichen Fähigkeiten.
Allgemeinbildung in diesem Anspruch wird nur realisiert im Konzept der Integrierten Gesamtschule, Gesamtschule nicht nur als konkurrierende Schulform, Gesamtschule nicht nur als Hauptschulersatz.
In diesem Sinne muß auch das Hittorf-Gymnasium in Frage gestellt werden.