Abiturjahrgang 1977 - Hittorf Gymnasium Recklinghausen

Abitur 1977

Abiturrede von Jörg Schmengler

Nach einer wechselvollen Existenz hat die Jahrgangsstufe 13 nach Höhen und Tiefen nun das Ende ihres Weges erreicht. Sie - oder vielmehr ihre Mitglieder haben neun, häufig zehn manchmal auch elf Jahre am Hittorfgymnasium verbracht. Während dieser Zeit veränderte sich das Gesicht der Schule stärker, als in seiner gesamten Geschichte zuvor. Es wurden nicht nur die alten Kastanien durch den tristen Beton des Neubaus ersetzt, eine neue Turnhalle gebaut, der Schulhof erweitert, die ersten Mädchen an der ehemals reinen Jungenschule zum Abitur geführt, auch inhaltliche Veränderungen fanden statt. Wir nehmen daher heute nicht nur Abschied von einer Jahrgangsstufe, sondern einer Schulepoche und ihrer Tradition.
In den letzten Monaten vor dem Abitur brach bei vielen von uns ein Lerneifer aus, dessen Dimensionen jemand, der die Schulszene nicht kennt, nie hätte vorauszusagen gewagt. Trotzdem war dieser Weg seit Langem vorgezeichnet und nur folgerichtig.
Die Entwicklung begann Anfang der 70er Jahre, als Schreckensmeldung über Zulassungsbeschränkungen an den Hochschulen die Abiturienten bisher nicht gekannten Leistungszwängen aussetzten. Allerdings bestanden zu diesem Zeitpunkt noch intaktere soziale Systeme, die Klassenverbände, die den Einzelnen das Gefühl der Geborgenheit und des Nicht-Allein-Seins gaben. Nur wenige Jahre später zertrümmerte die Oberstufenreform diese Solidarität, ein nicht zu füllendes Vakuum hinterlassend und eine Schule mit isolierten jungen Menschen, die ihre Mitschüler als Konkurrenten um Berufs- und Studienplätze betrachteten. Jeder erkämpfte einzeln Punkte und Zehntel Noten, die um die NC-Grenzen der Wunschstudiengänge zu erreichen. Um die schulische Vereinzelung durch andere Kontakte und Beziehungen auszugleichen, fehlten die geeigneten Einrichtungen. Letztes Jahr führte die falsche Recklinghäuser Jugendpolitik zur er-satzlosen Schließung des Jugendzentrum Löhrhof, dagegen müssen andere kreative Einrichtungen, wie die Altstadtschiede bis heute um ihre Anerkennung kämpfen.
Glaubte nun jemand, sich mit Verlassen der Schule und Eingang in die Universität sämtlicher Leistungszwänge zu entledigen, verkannte er die Realität völlig. Das inzwischen in-Kraft-getretenen Hochschulrahmengesetz führte für alle Studenten die vierjährige Regelstudienzeit ein bei Ausbildungsordnungen, de-nen im Durchschnitt eine 10 bis 12 semestrige Studienzeit zu Grunde liegt.
Niemand wird ernsthaft glauben, dass sich unter solchen Belastungen Schüler und Studenten für die sie nicht direkt umgebene soziale Problematik interessieren. Suchen wir die Ursachen des Schülerstresses müssen wir zehn Jahre zurückblicken.
1967 erreichte die Studentenbewegung mit dem Tod des Berliner Studenten Ohnesorg ihren Höhepunkt. Es war eine Revolte gegen die Wertvorstellungen und bürgerlichen Prinzipien der Wiederaufbaugeneration, gegen soziale Ungerechtigkeit und inhumane Verhältnisse, gegen eine spießige und korrupte Gesellschaft ohne Lebensqualität.
Damals zerschlug das staatliche System brutal die aufbegehrende Bewegung und die Politik erkannte, dass sich eine solche Solidarisierung nicht wiederholen durfte. Uns wurde eine Bildungsreform aufgezwungen, die durch organisierte Überbelastung und programmierte Isolierung eine vollkommene Disziplinierung der Jugend ermöglichte.
Wir dürfen nicht das Recht auf freie, politische Bestätigung und uneingeschränkte Bildung begraben und uns zu unmündigen Produktionsboten degradieren lassen. Wir müssen die Erben der Studenten werden und unser Ziel muss der Kampf gegen geistige Deformation sein. Niemand darf die Freiheit verkaufen!
Resignieren wir aber, wird die Machtkonzentration in Händen einer Obrigkeit die demokratische Idee unterwühlen und zum Einsturz bringen.